15. Mai 2012

Das Importverbot für Delfine ist so gut wie sicher – die Diskussion muss weitergehen

Good news in der Diskussion über ein künftiges Halte- oder Importverbot für Delfine. Die vorberatende Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Nationalrats hat sich in dieser Frage dem Ständerat angeschlossen, zwar nicht die Haltung, wohl aber den Import von Delfinen und Walen in die Schweiz zu verbieten. Dies aus der Überzeugung, dass Delfinarien und Zoos dem grossen Bewegungsbedürfnis der Delfine und Wale sowie den Ansprüchen dieser Tiere an einen artgerechten Lebensraum nicht entsprechen können. Sollte sich der Nationalrat in der Sommersession dem Entscheid der Kommission anschliessen, darf der Freizeitpark Connyland im thurgauischen Lipperswil seine drei verbliebenen Delfine behalten.

Für die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) bedeutet dies einen – wenn auch lediglich teilweisen - Erfolg. Im März 2012 war der Nationalrat einem Einzelantrag von Nationalrätin Isabelle Chevalley (GLP/VD) für ein Halteverbot von Delfinen und Walen gefolgt. Und obwohl auch das laut einem Rechtsgutachten der TIR mit der Bundesverfassung vereinbar gewesen wäre, konnte sich der Ständerat nicht zu einem Halteverbot durchringen. Trotzdem ist die Stiftung über den Beschluss seitens der Kommission, immerhin den Import zu verbieten erfreut, wie sie in ihrer Medienmitteilung schreibt: “Diese Massnahme ist deshalb von Bedeutung, weil die Conny-Land-Inhaber nicht gewillt sind, freiwillig auf die Anschaffung neuer Delfine zu verzichten.” Ausserdem sei die TIR zuversichtlich, dass der Nationalrat dem Beschluss seiner vorberatenden Kommission folgen wird, so dass die Gefangenschaftshaltung von Delfinen in der Schweiz bald der Vergangenheit angehört. Und das meiner Meinung nach keinen Tag zu früh.

Auswilderung von Delfinen ist machbar

Eine kurze Nebenbemerkung zu den Konsequenzen eines Halteverbots. Zurecht wurde in diesem Zusammenhang die Frage aufgeworfen, ob und wie in Gefangenschaft gehaltenen Delfinen eine Auswilderung zuzumuten ist. Gerade bei in Delfinarien geborenen Tieren dürfte eine komplette Auswilderung unmöglich sein, eine Verbesserung ihrer Lebensumstände ist aber in jedem Fall machbar: durch Umzug in ein natürliches Reservat, wie beispielsweise die mit Netzen abgeschlossene Meeresbucht im israelischen Eilat. Dass eine Rückkehr in die Freiheit keine naive Vision von Tierschützern ist, belegt eine Meldung aus den aktuellen Tierschutznews: Nach 18 Monaten Vorbereitung, u.a. einem Jagdtraining, konnten die Delfine Tom und Misha freigesetzt werden. Ein mehr als unwürdiges Dasein im Swimming-Pool eines türkischen Hotels fand damit ein Happy End.  Die Qualität des folgenden Films über die Vorbereitungen und den grossartigen Moment der Entlassung in die Freiheit ist nicht besonders gut. Und er ist auf Englisch. Aber, ums mal mit einem totzitierten Satz zu sagen: hier sagen die Bilder wirklich mehr als tausend Worte. 

Bundesrat Schneider-Amman und das Tierschutzgesetz

Zurück in die Schweiz, in der es auch nach einem wahrscheinlichen Importverbot noch genügend Diskussionsbedarf gibt. Zum Beispiel die Wirksamkeit unseres Tierschutzgesetzes betreffend. Und dem ewigen Argument mancher Politiker, die sich gegen jegliche Präzisierungen und Verschärfungen des Gesetzes wehren, weil das im Tierschutzgesetz doch schon alles festgehalten sei. Das sieht auch Bundesrat Johann Schneider-Amman offensichtlich so. Obwohl schon die Connyland-Verantwortlichen im Nachspiel zum Tod ihrer beiden Delfine Shadow und Chelmers alles andere als einen respektablen Eindruck hinterlassen haben, die Argumentation von Bundesrat Johann Schneider-Amman war für mich gänzlich unverständlich. Er hatte sich mit der Begründung gegen ein Import- oder Haltungsverbot gestellt, im Tierschutzgesetz würden die Anforderungen an die Haltung der Tiere ja bereits beschrieben. Nur: Wenn jetzt auch die Kommission die Ansicht zahlreicher Tierschutzorganisationen teilt, dass Delfinarien und Zoos den Tieren keinen bedürfnis- und artgerechten Lebensraum bieten können, dann kann ja wohl mit den im Tierschutzgesetz beschriebenen Anforderungen an die Haltung etwas Grundsätzliches nicht stimmen. Logisch, oder doch?

Let’s talk about Zoo und Zirkus

Ach ja, und was ist eigentlich mit der Diskussion über artgerechte Lebensräume in den Zoos und den Zirkussen? Sollte die nicht weiter geführt werden? Indem sie sich unter anderem mal mit der Frage auseinandersetzt, ob Art und Anzahl der gehaltenen Tiere nicht davon abhängig zu machen ist, ob sich ein Zoo eine annähernd (!) bedürfnisgerechte Haltung finanziell und räumlich überhaupt leisten kann? Sollten wir die Arterhaltungsprogamme nicht ausschliesslich den Zoos überlassen, die überhaupt erst einmal für eine maximal artgerechte Unterbringung sorgen können? Dadurch verlieren andere Zoos bei den kleinen und grossen Besuchern nicht unbedingt an Attraktivität. Auch wenn die Kids noch keine konkrete Vorstellung von artgerechter Haltung haben, so haben sie aber sicherlich mehr Spass an einem munter umeinanderspringenden Lamm oder Kaninchen, das sie aus der Nähe sehen oder sogar streicheln können als an einem traurig wirkenden Tiger, der hinter dickem Plexiglas stereotyp eine Furche in den Beton läuft. Und wenns denn doch mal ein Elefant oder Nashorn oder Tiger sein soll, dann gibts halt einen Ausflug zu einem dann vielleicht etwas weiter entfernten, modernen Zoo, in dem die Bewohner allen Grund haben, tierisch gut gelaunt zu sein.  

Punkto Zirkus ist für mich die Situation noch klarer, denn was bei kaum einem Zoo machbar ist, kann ein Zirkus erst recht nicht leisten. Dabei geht es nicht darum, ob die Elefanten, Tiger & Co. in einem guten gesundheitlichen Zustand sind. Bin sicher, dass sie es sind, zumindest in den grossen, gut geführten Betrieben. Gesund ist aber nicht gleichzusetzen mit artgerecht gehalten. Sind wir nicht längst einen Schritt weiter, als eine gute Haltung von Tieren nur danach zu bewerten, ob sie genug zu fressen bekommen und einen gepflegten Eindruck machen? Wird es nicht Zeit, dass die Zirkusbetriebe endlich mal in der Gegenwart ankommen, indem sie aufhören, auf die zirzensische Tradition zu verweisen? Tradition ist schliesslich nicht per se ein Wert. Traditionellerweise gehörten im alten Rom Gladiatorenkämpfe zum öffentlichen Entertainment. Diese Tradition vermisst heute niemand. Es gibt ein Synonym für das Verabschieden von Traditionen, die der menschlichen Erkenntnis oder Vernunft zuwiderlaufen: Fortschritt.

14. Mai 2012

Nachricht von Mädchen

Achja, das Mädchen. Vermisse sie schon sehr, manchmal. Vor allem, wenn ich mir so die Katzen in meiner neuen Nachbarschaft ansehe. Ein übergewichtiges Exemplar in Gestreift, eine komplett neurotische Perserkatze und ein humorloser Kater mit einem lausigen Aggressionsmanagement. Nicht eine von denen kann Mädchen charakterlich oder optisch auch nur ansatzweise das Wasser reichen. Immerhin gelingt es mir so federleichten Herzens, darauf zu verzichten, einer neuen Katze bei mir das Recht auf eine Zweitwohnung einzuräumen. Ausserdem sind erst mal wieder ein paar Pfötlihunde an der Reihe, bei mir eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Was nur in katzenfreiem Ambiente möglich ist. 

Umso mehr freue ich mich über Nachrichten von Mädchen (die im “richtigen” Leben ja Roxy heisst), wie über die hier, die mir neulich Andreas per MMS geschickt hat: “Roxy hat sich also hier wieder niedergelassen. Sie ist auch sehr anhänglich geworden. Also ist alles prima.” Zwar seien ihre Streifzüge durchs Quartier immer noch ausgiebig, und sie hält sich auch dann noch im Freien auf, wenn sittsame Fräuleins längst zuhause sind. Aber immerhin weiss sie jetzt zu schätzen, dass ihre Familie allzeit zum Streicheln bereit und der Napf zuverlässig gefüllt ist. Sie schläft anscheinend immer noch in der Weinkiste mit dem Handtuch, die ich ihr bei mir als Gästebett eingerichtet hatte. Und sie tut das so dekorativ wie eh und je. *Seufz*.

09. Mai 2012

Besuch beim Frühlingstreffen der Listenhunde-Hilfe Schweiz

Angekündigt hatte die Listenhunde-Hilfe Schweiz ein Frühlingstreffen. Und das Interesse von Haltern und Freunden war so gross, dass Prisca Hollenstein und Tamara Dysli nicht alle Anmeldungen berücksichtigen konnten. Einer liess sich jedoch nur zeitweise im luzernischen Triengen blicken: der Frühling. Zwischendurch öffnete der schlecht gelaunte Wetterverantwortliche immer wieder die Schleusen und schickte die Temperaturen in den Keller. Was aber null Auswirkung auf die Stimmung hatte, wozu gibts bitteschön  Regenjacken, Fleecepullover und heissen Kaffee? Mir hätte auch ein Blizzard nichts anhaben können, inmitten all der wunderschönen American Staffs und Bullterrier in allen Variationen plus zweier Rottis kam ich mir vor wie ein Kind im Süsswarenladen. Meine persönlichen Highlights: Ich hab nach langer Zeit Prisca mal wiedergesehen, endlich das tolle Team der Listenhunde-Hilfe und meinen Patenhund Jersy kennengelernt. (Das Mädchen ist ultrahübsch und ein richtiges Energiepaket, hier hat Erika Kuhn, die Fotografin, mal einen Moment erwischt, in dem Jersy kurz auf ihren Hinterbacken sitzen blieb.)

Und last but not least: 

Ich konnte einen ganzen Nachmittag mit meinem Lieblingsteam Karin & Sharon verbringen . 

Das Highlight schlechthin für alle Anwesenden kam jedoch mit einer Meldung per Telefon kurz nach 13 Uhr: die Glarner Landsgemeinde hatte das Rassenverbot knapp abgelehnt

Im Verlauf des Treffens habe ich dermassen viele tolle Leute und Hunde kennengelernt, dass ich mir unmöglich alle Namen merken konnte. Und der Speicher meiner Kamera ist am Ende des Tages aus allen Nähten geplatzt.  Um zu einer annähernd quantitativ verdaubaren Auswahl zu kommen, musste ich also heftig aussortieren und vorweg schon mal “sorry”, dass ich nur einige wenige Hunde und Menschen beim Namen nennen kann.

Für das Frühlingstreffen haben übrigens Sandy Birrer und Family Haus, Hof und Grillierkünste zur Verfügung gestellt. Und solange der Frühling ebenfalls mit von der Partie war, traf man sich draussen.

  

Ansonsten drinnen, bei Vollverpflegung und

“artgerechter” Deko.

Weils bereits Sharons zweites Listenhunde-Hilfe-Treffen war, konnte er diverse ”alte Bekannte” und Fans begrüssen. Und bei der Gelegenheit auch grad Jersy kennenlernen, die mit ihrer Pflegemama zu Gast war.

Sharon fand Jersy auf Anhieb ein cooles Mädchen.

Scharwenzelscharwenzel …….

Sharons Charmeoffensive konnte Jersy nicht lange widerstehen,

sie ging “ran an den Mann” und ganz offensichtlich mag Sharon emanzipierte, unzimperliche Frauen.

Ganz der Gentleman stellte er sich dann noch kurz bei Jersys Pflegemutter vor,

und - dich kenn ich! – begrüsste überschwänglich deren Sitznachbarin.

Wer schon mal seinen Wunschzettel für Weihnachten füllen wollte, konnte sich an einem Miez N Mops-Stand mit Halsbändern, Spielsachen und Leckereien inspirieren lassen.

Ein Angebot, das bei den vierbeinigen Gästen auf reges Interesse stiess (“Och bitte, nur mal gucken …).

“Okay, was wolltest du dir denn ansehen, etwas zum Fressen?”

“Etwa das hier?” “Eigentlich das und alles andere, sieht ja verdammt lecker aus…”

“Und riecht auch total gut.”

“Sowas hast du doch zuhause, ausserdem wolltest du nur mal gucken …”

“Wieso hab ich das Gefühl, dass ich immer im falschen Moment beim Wort genommen werde … *seufz*” 

Inmitten dieser Familie aus prächtigen,

wunderschönen,

freundlichen und mehr

oder weniger

ausgewachsenen Artverwandten 

waren die Kleinen

 gut aufgehoben. Die vierbeinigen ebenso …

wie die zweibeinigen.

Und weil Listenhunde nichts von Rassendiskrimierung halten,

waren auch die Kollegen anderer Bauart

eingeladen und

herzlich willkommen

dabei zu sein.

Prisca liess es sich nicht nehmen, jeden Gast persönlich zu begrüssen und war entsprechend nur selten mit leeren Händen anzutreffen.

Nach dem Mittagessen gings auf den Agility-Parcours, bei dem es nicht nur auf Geschicklichkeit und Tempo ankam, sondern auch auf die Fähigkeit, der Verlockung von Fressbarem zu widerstehen: Mitten auf der Strecke verströmte ein mit Nassfutter gefüllter Napf seinen verführerischen Duft, das ultimative piece de resistance.

Versammlung und konzentriertes Warten der Teilnehmer im Startraum.

Doping war ausnahmsweise erlaubt.

Auch die Kleinen gingen an den Start, wenn auch vielleicht nicht ganz so konzentriert.

Aber gerade die Junioren 

machten ihre Sache

dann richtig prima

und absolvierten den Parcours

mit Bravour.

Und was ein gutes Team ist,

das packt auch gemeinsam

diesen schrecklichen Tunnel!

Sharon war durch das Doping vermutlich etwas zu sehr auf den Geschmack gekommen und schwächelte kurz bei der “Napfhürde”.

Kain & Saron “Parcürchen” Triengen from Martina Monti on Vimeo.

Auch wenn er es am Ende doch noch auf den dritten Platz geschafft hat, nicht ganz auszuschliessen ist, dass er dem Napf noch einige Zeit nachgetrauert hat :-) .

P.S.  Jersy sucht ein Zuhause. Informationen zu ihrer Geschichte gibts hier, wer mehr wissen oder das Mädchen kennenlernen möchte, meldet sich bei der Listenhunde-Hilfe.

03. Mai 2012

Nutztiere gehören ins Freie

Davon ist der Schweizer Tierschutz STS überzeugt und will jetzt die Freilandhaltung von Nutztieren konsequent fördern. Vor der Beratung der Agrarpolitik 2014-2017 im Parlament legt er einen Massnahmenplan mit sieben Punkten vor. Im Zentrum der Vorlage stehen die Direktzahlungen. Der STS will dem Tierwohl und der Qualitätsstrategie zum Durchbruch verhelfen, wie Vertreter heute an einer Medienkonferenz in Bern darlegten. Er verlangt unter anderem, mit den Direktzahlungen an die Bauern auf mehr Wohlbefinden für die Tiere und eine effiziente und naturnahe Landwirtschaft hinzuwirken.

Tierhaltungen sollen konsequent kontrolliert und gegebenenfalls Sanktionen ausgesprochen werden – etwa die Streichung von Direktzahlungen. Investitionskredite soll nur noch erhalten, wer tierfreundliche Ställe baut. Wie bisher sollen Höchst-Tierbestände vorgeschrieben werden – ohne Ausnahmen.

Das vom Bundesrat vorgeschlagene neue Direktzahlungssystem begrüsst der Tierschutz. «Werden die Defizite beim Tierwohl im Parlament nicht durch konsequente Förderung der artgerechten Nutztierhaltung behoben, bleibt die Absicht des Bundesrates Makulatur», sagte STS-Geschäftsführer Hans-Ulrich Huber gemäss Redetext.

Der STS fordert in seinem Massnahmenplan «Freilandhaltungsland Schweiz», bei den Direktzahlungen die allgemeinen Beiträge an die Tierhaltung zu streichen. Im Gegenzug sollten die Förderbeiträge für tierfreundliche Ställe und regelmässigen Auslauf im Freien stark erhöht werden. Alle Nutztiere müssten ins Freie können.

Konsequent fördern will der STS die Weidehaltung von Wiederkäuern. Gras, Heu, Emd und Grassilage seien nicht nur aus ökologischer Sicht sinnvoller als Kraftfutter, sondern bringe auch den Konsumenten Vorteile. Milch und Fleisch dieser Tiere enthalten laut STS mehr CLA- und Omega-3-Fettsäuren.

Der Bundesrat schlägt vor, die Hälfte der Direktzahlungen für Leistungen im Zusammenhang mit Umwelt, Landschaft und Tierwohl auszurichten. Die andere Hälfte wird unabhängig von diesen Kriterien bezahlt. Etwas abgerückt ist der Bundesrat aber von seiner ursprünglichen Absicht, Anreize für intensiv betriebene Landwirtschaft zu vermeiden.

Der Bundesrat stellte die Botschaft zur Agrarpolitik 2014-2017 am 1. Februar dem Parlament zu. Die Vorlage befindet sich zurzeit in Kommissionsberatung. In den Räten wurde sie noch nicht behandelt.

(Quelle: Tierschutznews.ch)

Ich kann zwar nicht einschätzen, wie realistisch dieser Massnahmenplan letztlich ist. Und was am Ende von den Massnahmen noch übrig ist, wenn sie erst einmal in allen Gremien, Kommissionen, Kammern und von den Lobbyisten in Bern durch den Wolf gedreht wurden. Vermutlich  nicht allzu viel. 

Von daher ist vielleicht jetzt die letzte Gelegenheit, ungestört von einer Schweiz zu träumen,

in der das Migros-Huhn Chocolate 

und seine glücklichen Nutztier-Kollegen

nicht nur eine reine Werbeidee sind.   

30. April 2012

Zynisch? Ehrlich? Dumm.

Ganz grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass die Evolution eine clevere Einrichtung ist: Jede Lebensform bekommt ihre Chance, sollte sich die Kreation jedoch physisch, psychisch oder intellektuell als nicht lebensfähig erweisen, wird sie von der Evolution wieder von der Weltbühne geholt. Es gibt allerdings einzelne Fälle, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das evolutionäre Qualitätsmanagement fehlerfrei funktioniert. Und zwar immer dann, wenn mir ein Lebewesen begegnet, bei dem ich denke: “Könnte es sein, dass selbst so etwas Schlaues wie die Evolution manchmal irrt?” Das frage ich mich übrigens so gut wie nie bei Tieren - Zecken und Fruchtfliegen sind zwar aktiv sinnlos, aber passiv wenigstens Futter -, sondern ausschliesslich bei Menschen. Und hier besonders gern beim Typus “Ignorant/in”.

Erstaunlicherweise schafft der es aber immer wieder in die Medien. Leider nicht als Repräsentant/in einer aussterbenden Art, im Gegenteil, ich habe den Eindruck, die Reproduktionsrate ist ausgerechnet bei den Ignoranten enorm hoch. Muss wohl an den hervorragenden Lebensbedingungen liegen, die im medialen Biotop herrschen. (Und nachhaltig vom Blick, neuerdings aber auch von einem Quereinsteiger ins untere Niveau – dem Schweizer Fernsehen – gefördert werden.)

Der Blick hat nun im Schatten von SF letzten Freitag ein besonders beeindruckendes Exemplar präsentiert: die 39-jährige Irina Beller, Ehefrau des Bauunternehmers Walter Beller. Das hätte ich eigentlich gar nicht mitbekommen, denn den Blick lese ich so gut wie nie. Noch nicht mal so sehr aus “ideologischen”, sondern aus Zeitgründen. Dass ich Irina Beller trotzdem nicht verpasst habe, verdanke ich einer Lektüre, für die ich hingegen immer Zeit habe, “Der Piurist”, das E-zine von Piur, dem Netzwerk für nachhaltige Kommunikation, das ich hier schon einige Male erwähnt habe. In der aktuellen Ausgabe kommentiert piur-Leiter Daniel Krieg eine Aussage von Irina Beller in besagtem Blickartikel, die einen einfach umhaut, auch die Standfesten unter uns, also bitte festhalten. Auf ihre Dutzende von Pelzen in ihrem Schrank angesprochen meint Irina Beller laut Blick: “Tiere haben es bei mir zu Hause besser als im Wald.”

Da vergisst man glatt das Weiteratmen, nicht wahr?

Daniel Krieg bezeichnet diese Aussage als “den dümmsten Spruch der letzten Jahre”, als “dumm, bodenlos dumm”. Das ist sehr höflich ausgedrückt. Und natürlich bleibe auch ich höflich, hätte da allerdings noch zwei ergänzende Anmerkungen zu Daniel Kriegs Text.

Der Blick zitiert die Bauunternehmersgattin eingangs mit: ” … Und ich sage immer, was ich denke.” Sollte dem so sein, dann müsste sie eigentlich schweigen, weil wenns nicht denkt, dann gibts auch nichts zu sagen. Und sollte Irina Beller mit “Tiere haben es bei mir zu Hause besser als im Wald” vom Blick korrekt zitiert worden sein, dann hätten wir es hier mit einem bedauerlichen Beweis dafür zu tun, dass Evolution menschlich betrachtet nicht mit intellektuellem Fortschritt gleichzusetzen ist. Und dass sie manchmal sehr, sehr grosszügig ist.

25. April 2012

Tierversuche in der Schweiz: “Verteidigung der bisherigen Geheimniskrämerei”

Vor etwas mehr als einem Monat haben National- und Ständerat über eine weitere Revision des Tierschutzgesetzes befunden. Vermutlich erinnert sich die Mehrheit von uns auch nur deswegen daran, weil der Nationalrat mit seinem doch eher überraschenden Beschluss, die Haltung von Delfinen zu verbieten, für eine medial begleitete Neubelebung des Streits zwischen Tierschützern und Connyland-Betreibern sowie -Fans sorgte. Der “Konter” des Ständerats, lediglich den Import verbieten zu wollen, wirbelte dann noch einmal gehörig Staub auf. Der vernebelte aber dummerweise die Sicht auf die anderen, von beiden Kammern gemeinsam gefassten Beschlüsse.

Einer von denen kam mir bereits damals der Rede wert vor, zunächst erst einmal deshalb, weil ich überhaupt nicht einordnen konnte, ob es sich hier nun um eine Verbesserung oder eine Verschlechterung im Sinne des Tierschutzes geht. (Woran man auch sieht, dass ich mittlerweile nicht mehr davon ausgehe, dass Revisionen des Tierschutzgesetzes automatisch zugunsten der  Tiere ausfallen.) Und ebenfalls bemerkenswert schien mir, dass die Medien das stillschweigende Übereinkommen zwischen der grossen und der kleinen Kammer in diesem einen Punkt gar nicht weiter bemerkenswert fanden, sondern unter “Übriges” abhandelten.

Konkret geht es darum, dass der Bundesrat bei der Information der Öffentlichkeit über Tierversuche angehalten ist, “die überwiegenden schutzwürdigen privaten oder öffentlichen Interessen” zu beachten.  Im “Übriges” eines NZZ-Beitrags liest sich diese neue Regelung dann so: “Stillschweigend hiess (der Ständerat) einen verstärkten Schutz für Forscher und Firmen gut, die an Tierversuchen beteiligt sind. Mit einer Zusatzklausel sollen Rückschlüsse auf Firmen, Forscher, Forschungsanlagen und Forschungsvorhaben vermieden werden.”

Nanu? Sollte ein Tierschutzgesetz denn nicht eher die Versuchstiere als die Forscher und Firmen besser schützen? Und was heisst “Rückschlüsse auf Forschungsvorhaben sollen vermieden werden”, wo doch das “öffentliche Interesse” punkto Tierversuche gerade im Gegenteil besteht, nämlich in einer verbesserten Transparenz?

Juristischer Laie, der ich bin, habe ich mich mit diesen Fragen an die Profis, die Stiftung für das Tier im Recht  gewandt - genauer an Vanessa Gerritsen, rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin - und sie gebeten, diese Neuerung “auszudeutschen” und zu bewerten.

Die Antwort der Tierschutzdelegierten der Tierversuchskommission des Kantons Zürich fiel deutsch, deutlich und äusserst aufschlussreich aus:

“Hierbei handelt es sich nicht um eine Neuerung, sondern um eine Verteidigung der bisherigen Geheimniskrämerei. Tierschutzorganisationen verlangen seit langem mehr Transparenz im Bereich der Tierversuche. Forscher und Industrie wehren sich aus zwei Gründen für ihre Diskretion: a) ihre Ideen, Ergebnisse, Erfindungen, Entdeckungen sollen geschützt sein (Wirtschaftsfreiheit), b) sie wollen vor “Angriffen extremistischer Tierrechtler” bewahrt werden. …

In der Vernehmlassung zum Vorentwurf haben wir (TIR) und sicher auch andere Organisationen angeregt, dass das neue elektronische System E-Tierversuche  für die Information der Öffentlichkeit genutzt werden solle. Mittels verschiedener Zugriffsrechte hätte man das locker regeln können. Der Bundesrat hielt aber daran fest, E-Tierversuche nur den Antragstellern, Kommissionen und Behörden zugänglich zu machen und die jährliche Statistik (abrufbar über http://www.tv-statistik.bvet.admin.ch/) um einige Informationen zu erweitern, nämlich Titel und Fachgebiet des Versuchs. Verwendungszweck, Anzahl eingesetzter Tiere pro Tierart und Schweregrad der Belastungen sind schon jetzt in der jährlichen Statistik einsehbar.

Zusätzlich soll der Bundesrat neu ermächtigt werden, weitere Informationen veröffentlichen zu können. Der Detailliertheitsgrad der Angaben soll vom Bundesrat bestimmt werden. Die Ermächtigung des Bundesrats wird aber wesentlich eingeschränkt, und zwar durch den Satz: “…sofern keine überwiegenden schutzwürdigen privaten oder öffentlichen Interessen entgegenstehen.”

Der Glarner Ständerat Pankraz Freitag (FDP) machte sich dafür stark, dass diese (geringfügige!) Erweiterung der Information stark eingeschränkt werden soll, weil er befürchtete, dass die Veröffentlichung dieser Angaben Rückschlüsse auf konkrete Forschungsinstitute, Forscher etc. ermöglichen und somit Persönlichkeitsschutz, Sicherheit der Betroffenen und Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnis beeinträchtigt sein könnten. Zum Glück haben Stände- und Nationalrat dem Entwurf des Bundesrats zugestimmt, so dass neu nun wenigstens Titel und Fachgebiet des Versuchs zusätzlich veröffentlicht werden.

Das ist gegenüber der heutigen Situation wie vermutet nur ein kleiner Schritt in Richtung Transparenz, denn für die Öffentlichkeit wichtig zu wissen wären v.a. auch die Manipulationen, die an den Tieren vorgenommen werden, die Haltungsbedingungen, die “Herstellung” gentechnisch veränderter Tiere und deren Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden, die Überwachung und Betreuung der Tiere, Analgesie (Schmerzausschaltung), Anästhesie und Bewertung der Belastungen, der konkrete Erkenntnisgewinn und die Güterabwägung. Das wären Informationen, die die Öffentlichkeit interessieren und zu einer Meinungsbildung führen würden.

Immerhin hat der Bundesrat künftig die Möglichkeit, weitere Angaben zu veröffentlichen und auch den Detailliertheitsgrad zu bestimmen, allerdings eben mit der bedeutenden Einschränkung der Berücksichtiung schutzwürdiger entgegenstehender Interessen – was natürlich auch wiederum interpretiert werden muss.

Der Schutz der persönlichen und monetären Interessen der Forscher steht also weiterhin hoch über demjenigen der verbrauchten Tiere, aber wen überrascht’s.”

Ja, wen überrascht’s! Statt dessen wieder was gelernt: “Revision” ist kein Synonym für “Verbesserung” oder “Fortschritt”. Und: Das öffentliche Interesse an einer verbesserten Transparenz bezüglich Tierversuche interessiert Forscher, Industrie und politische Interessensvertreter nach wie vor nicht - wieder nichts gelernt und eine Chance verpasst. Entgegen allen Beteuerungen der Forschungsvertreter in der gross lancierten “Basler Deklaration“, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Forschung stärken soll.   

23. April 2012

Internationaler Tag für das Versuchstier – und gegen Tierquälerei für die Schönheit

Heute ist der “Internationale Tag des Versuchstiers”, auch (un)bekannt als “Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche”. Nicht gewusst? Ich bis vor kurzem auch nicht. Naja, eigentlich auch kein Wunder: Während in Deutschland von etlichen Tierschutzorganisationen on- und offline diverse Aktionen geplant und publik gemacht sind, sucht man auf den gängigen Tierschutz-Homepages hierzulande vergebens nach Entsprechendem. STS? Fehlanzeige. animalfree research? Nix. Auf der Homepage des Zürcher Tierschutzes findet man in der Rubrik “Agenda” immerhin mal einen Hinweis, dass es diesen Tag überhaupt gibt. Und dass 2010 unvorstellbare 761 675 Tiere zu Versuchszwecken eingesetzt wurden. Und dass heute “rund um den Globus verschiedene Anlässe” stattfinden. Sollte die Schweiz bei der Globusrunde mitgemeint sein, also heute jemand diesseits der Landesgrenzen für Versuchstiere und gegen Tierversuche auf die Barrikaden gehen, dann wurde offensichtlich sehr viel Wert darauf gelegt, dass niemand davon im Vorfeld erfährt. Eine Ausnahme: die englische Kosemtikkette LUSH, weltweit bekannt für ihre handgefertigte Frischkosmetik.

Lush hat sich mit der Humane Society International (HSI) zusammengetan, um gemeinsam gegen an Tieren getestete Kosmetik zu kämpfen. Damit das möglichste viele erfahren, hat das Pressebüro grossflächig ein Mail verschickt, unter anderem an die annabelle-Redaktion. Klar gehts hier auch ums Marketing. Aber: Ohne dieses Mail wäre – erstens – der “Internationale Tag des Versuchstiers” unbemerkt an mir vorbeikalendert und ich hätte zweitens nicht erfahren, dass heute auch in der Schweiz jemand öffentlich etwas zu diesem unsäglichen Thema zu sagen hat - wenn auch nur “in Lizenz”. Aber immerhin. Und möglicherweise liesse sich auch darüber auch streiten, wie es gesagt wird: “Als Hasen verkleidete MitarbeiterInnen nehmen in den Einkaufsstrassen den Kampf gegen Tierversuche auf und informieren PassantInnen und KundInnen über die Thematik” (Zitat Sarah Schuhmacher von LUSH Switzerland). Aber wie gesagt: immerhin!

Allerdings hab ich mich auch gefragt, was denn bitteschön so aufsehenerregend an einer Firma ist, die ihre Beauty-Produkte nicht an Tieren testet? Macht doch heute niemand mehr. Oder etwa doch? Wie sich im Lauf meiner Nachfrage bei der Schweizer Liga gegen Vivisektion LSCV herausstellte, ist es ein tückisches Detail, das darüber entscheidet, ob die weisse Weste eins Kosmetiklabels echt ist: Tatsächlich werden die Endprodukte selbst nicht an Tieren getestet, die einzelnen Inhaltsstoffe hingegen schon. Manche Beauty-Konzerne machten daraus auch gar keinen Hehl. Allerdings nicht auf dem “Beipackzettel” versteht sich. Weswegen die LSCV eine Liste über all jene Hersteller führt, die nachweislich weder Produkte noch Rohstoffe an Tieren testen, also 100% tierversuchsfreie Kosmetik herstellen. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat übrigens ein Merkblatt zum Thema Kosmetik und Tierversuche zusammengestellt, das u.a. klarstellt, was die von Kosmetikherstellern gerne verwendeten Formeln wie z.B.  ”Wir verzichten auf Tierversuche” genau bedeuten. In diesem Fall: Der Hersteller des Produkts verzichtet zwar auf Versuche, die Lieferanten der Inhaltsstoffe aber nicht unbedingt. Ein sehrsehr lesenswertes, weil aufschlussreiches Merkblatt mit einem kleinen Schönheitsfehler: es existiert leider nur auf Englisch.  

Im WWW kursieren derzeit einige Petitionen im Zusammenhang mit einer Abschaffung von Tierversuchen, stellvertretend seien hier mal drei aufgeführt. Zum einen hat die HSI eine weltweite und von Stars wie Judy Dench, Roger Moore und Ricky Gervais unterstützte Petition “Be Cruelty Free – The global campaign to end animal testing for cosmetics” lanciert.  HSI-Mitstreiterin LUSH fokussiert mit ihrer Petition auf die EU, der Hintergrund dazu: Tierversuche für Inhaltsstoffe von Kosmetika sind innerhalb der EU seit dem 11. März 2009 verboten. Ausserdem vereinbart wurde ein endgültiges Verkaufsverbot von im Ausland – also nicht in EU-Staaten - getesteten Inhaltsstoffen bis zum 11. März 2013. Auf Druck der Kosmetikindustrie erwägt die EU jetzt aber, dieses Verbot erst 2023 in Kraft zu setzen. Wird das Verkaufsverbot nicht sofort umgesetzt, verlagern die Kosmetikunternehmen diese Versuche für zehn Jahre einfach in Länder ausserhalb der EU (die Schweiz!) und importieren die getesteten Inhaltsstoffe anschliessend wieder zurück.  Damit wird das in der EU geltende Verbot von Tierversuchen für Beautyprodukte faktisch wertlos und Millionen von Versuchstieren leiden für unsere Hautpflege ein weiteres Jahrzehnt . Entsprechend fordert LUSH mit der Fight Animal Testing Petition, die sogenannte Kosmetikrichtlinie 2013  ”zum Verbot der Vermarktung von an Tieren getesteten Kosmetikprodukten in der Europäischen Union durchzusetzen und alle Verzugsanträge abzulehnen”.   Petition Nummer drei: “No Cruel Cosmetics”- “Nein zu Tierqual-Kosmetik” . Sie wird von der Schweizer Liga gegen Vivisektion mitgetragen, die hier – etwas kompliziert, wie ich finde – darlegt, warum auch Unterschriften aus dem Nicht-EU-Land Schweiz wichtig sind. Achtung: Diese Petition läuft nur noch bis zum 30. April.

Also, wer bis jetzt noch nicht wusste, dass heute der Internationale Tag des Versuchtiers ist und erst recht nicht, was man hierzulande als Einzelne oder Einzelner für die Abschaffung von Tierversuchen für die Kosmetik tun kann, der oder die kann jetzt zwischen drei Petitionen wählen. Eine davon mit einer Unterschrift zu unterstützen ist das mindeste, was wir tun können, um in Zukunft guten Gewissens etwas für unsere Schönheit zu tun.

17. April 2012

Hunde modeln für Listenhunde-Hilfe Schweiz

Häufig genug komme ich nicht umhin, auf diesem Blog mein Leid zu klagen, was die Berechenbarkeit meiner fotografischen Fähigkeiten oder tierischen Models angeht. Und ich kann dem technischen Fortschritt nur danken, dass er die digitale Kamera unter die Menschheit gebracht hat bevor ich auf die Idee zu meinem tierisch-Blog gekommen bin. Was ich an missglückten Versuchen in den Papierkorb lösche hätte mich in der analogen Welt in den Wahnsinn getrieben. Immerhin kann ich von mir behaupten, dass meine Bilder zwar nicht immer gut gemacht, aber durchwegs gut gemeint sind.

Bei Tierfotografin Nicole Hollenstein trifft beides zu. Wobei “gut gemacht” in ihrem Fall eine augenfällige Untertreibung ist, ihre Bilder sind schlicht umwerfend. Hinzu kommt, dass sie sich mit ihrem Talent nicht nur einer qualitativ hochstehenden Tierfotografie verpflichtet fühlt, sondern auch einer guten Sache: Hunde, mit denen es das Schicksal oder die Gesellschaft nicht gut meinen, ins beste Licht zu rücken. Tierheimhunde fotografiert sie kostenlos, um so ihre Vermittlungschancen zu verbessern und sie unterstützt mit der Kamera die Arbeit der Listenhunde-Hilfe Schweiz. Man könnte es auch so sagen: Nicole fotografiert gegen das Vorurteil und engagiert sich im wahrsten Sinne des Wortes für die Imagekorrektur der Listenhunde. Einer Gruppe von Hunden, die gesetzlich diskrimiert und gesellschaftlich verteufelt werden, weil wir uns in diversen Kantonen hinsichtlich der Problematik der gefährlichen Hunde für die einfache (Verbot ganzer Rassen) und nicht die richtige Lösung (Verbot einzelner, dafür aller nachweislich gefährlichen Hunde) entschieden haben.

Nicoles Engagement kennt weder kreative Grenzen noch gesetzliche Feiertage. Und so lud sie am Ostersonntag Hunde mit ihren Haltern in ihr Fotostudio im sanktgallischen Wil ein, sich zugunsten der Listenhundehilfe professionell ablichten zu lassen. Eine Aktion, die den Osterhasen in Selbstbewusstsein und Berufsehre empfindlich getroffen haben dürfte: Zahlreiche Hundehalter liessen die Eiernester links liegen und standen statt dessen vor Nicoles Studio Schlange. Schwer zu sagen, wer am Ende des Tages glücklicher über den Riesenerfolg des Shootings war, Nicole oder Prisca, die Präsidentin der Listenhundehilfe Schweiz (rechts), die gemeinsam mit Vize-Präsidentin Tamara Dysli und einigen Schützlingen ebenfalls vor Ort war.

Da niemand Nicoles Begeisterung über den Erfolg besser in Worte fassen kann als sie selbst, hier ihr persönliches Fazit: “Der Shooting-Tag zugunsten der Listenhunde Hilfe Schweiz war ein voller Erfolg und wir durften über Fr. 1100.00 an die Präsidentin des Vereins, Prisca Hollenstein, übergeben. Dieser Verein leistet wunderbare und wertvolle Arbeit für die diskriminierten Hunderassen, die Listenhunde, in der Schweiz. Dank unserer Arbeit mit den Hunden durften wir schon unzählige Listenhunde bei uns im Fotostudio begrüssen und eines kann ich versichern, ALLE waren total lieb, verschmust, menschenfreundlich und sehr sehr liebenswert! Wenn man bedenkt, was einige dieser Tiere hinter sich haben ist es gerade nochmals sehr beeindruckend, wie offen diese Hunde auf Menschen zu gehen! Nicht die Hunde sind das Problem, der Mensch ist es! Aber es sind die Hunde, die leiden – es muss ein Umdenken statt finden! Denn die falschen Händen können aus jedem Hund einen “Kämpfer” machen, und die meisten von ihnen kämpfen letztlich um ihr eigenes Überleben. Ich werde mich auch weiterhin für diese Hunde einsetzen – denn ich liebe sie einfach!”

Dass Hunde keine Rassendiskriminierung kennen, zeigt die folgende Mini-Auswahl an Bildern vom Ostershooting. Kleine, grosse, mehr und weniger haarige Kollegen der Listenhunde standen Modell für die Überzeugung, dass es einfach nicht in Ordnung ist, ganze Rassen in Sippenhaft zu nehmen. Nicht zuletzt, weil uns die Erfahrung in anderen Ländern und die Wissenschaft eines Besseren belehren.

14. April 2012

Frühlingsgrüsse von und mit Nihna

Auf Löwenzahn gebettet:

Weil sich der Frühling gerade in einer herben Identitätskrise befindet, und in der Wettervorhersage für dieses Wochenende alles Grau in Grau ist, sendet Nihna allen Pfötlifans diesen kleinen Farbauffrischer für eine sonnige(re) Stimmung.

13. April 2012

“Grosser Service” bei Jella

Nein, das ist nicht der missglückte Versuch, die überflüssige Dogfashion um ein weiteres komplett unnützes Teil zu bereichern. Und es ist auch nicht so, dass Jella dieses Shirt trägt, weil wir glauben, dass Weiss mit Mintgrün ihre Farben sind. Oder Jella fest entschlossen gewesen wäre, dem saukalten Wetter “bauchfrei” zu trotzen – unser Doggenmädchen erholt sich derzeit und in diesem Outfit von einem grösseren OP-Service. Und das missbrauchte Poloshirt erspart dem Mädchen die “Tröte”, wobei ich noch nicht einmal sicher bin, ob wir einen Kragen in Jella-Grösse überhaupt im Sortiment haben. Hauptsache aber ist: sie hat die “Multiple-choice-Operation” gut überstanden. Zu den Einzelheiten:

Standard an der “Eine für vieles”- OP von letzter Woche war die Kastration, der sich alle Pfötlianer vor der Weitervermittlung unterziehen müssen. Jella hatte kurz nach ihrer Ankunft die Jungs im Pfötlirudel mit ihrer Läufigkeit fast um den Verstand beduftet. Wobei es – entgegen landläufiger Vermutungen – keine Rolle spielt, ob die Herren der Schöpfung noch im Vollbesitz ihrer Kronjuwelen sind oder nicht. Auch kastrierte Rüden wissen den Geruch einer läufigen Hündin zu schätzen, vor allem, wenn sie erst spät in ihrer Biografie den Familienschmuck abgeben mussten. Nur weil man den Führerschein abgenommen bekommt, vergisst unsereins  ja auch noch lange nicht, wie man Auto fährt.

Nachdem Jella ein paar Wochen nach ihrer Läufigkeit dann noch eine Scheinträchtigkeit oben drauf legte – etwas, das für Hündinnen echt nicht besonders lustig ist – da war dann klar, dass das Mädchen sich recht bald unters Messer legen sollte. Für das “recht bald” sprach noch etwas anderes: Jellas Rutenspitze wurde einfach nicht besser. Alle Versuche, die Heilung der wundgeschlagenen Spitze zu fördern waren langfristig wirkunslos geblieben. Die Wunde war immer noch offen, blutete und allmählich sah das Wundgewebe nicht mehr allzu gut aus. Wozu Jellas ungetrübter Eifer, ihre Rute in möglichst kurzer Zeit möglichst häufig gegen die Wand zu kloppen, sicher einen Anteil hatte. Nur kann man ja einem Hund nicht das Wedeln abtrainieren. Es blieb nichts anderes übrig, als die Rute zu kürzen. Einerseits, um die Schwingungsamplitude zu verkleinern, das reduziert die Wucht, mit dem der Schwanz gegen die Wand schlägt. Und andererseits natürlich, um das unwiderruflich geschädigte Gewebe zu entfernen, bevor Entzündungsprozesse die ganze Rute gefährdeten.

Jellas Rute vor der Operation …

… und danach.

Wo wir Jella schon einmal unter Narkose hatten, sollte gleich noch präventiv etwas gegen ein lebensgefährliches Übel unternommen werden, das hauptsächlich grosse Hunde mit tiefem Brustkrob betrifft: die Magendrehung, medizindeutsch “Torsio ventriculi”.

Die anatomischen Verhältnisse in zwei Sätzen: Der Hundemagen ist zwischen Speiseröhre und Darm “aufgehängt” und ansonsten nicht fixiert, d.h. er pendelt frei beweglich. Kommt es zu einer Magendrehung , dann passiert das, was man von Luftballonkünstlern in Fussgängerpassagen kennt, die einen schlauchartigen Ballon durch gegengleiches Drehen der beiden Hälften in zwei luftdichte Kammern teilen. (Und irgendwann wird dann meist ein Pudel draus.)

Zurück übersetzt auf den Magen bedeutet das einen Verschluss des Magenausgangs. Die Folge: Die bei der Verarbeitung des Futters im Magen frei gesetzten Gärungsgase können nicht mehr entweichen, es kommt zu einer sogenannten Aufgasung, wie hier im Fall einer  Deutschen Dogge.

Der Magen wächst und wächst, drückt allmählich auf die Pfortader und andere umliegende Blutgefässe, die Nervenstränge und das Zwerchfell. Was bedeutet, dass die Organe nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden, daraus resultiert ein Sauerstoffmangel und innerhalb weniger Stunden tritt ein Kreislaufkollaps mit Todesfolge ein.

Im November letzten Jahres starb einer der wohl prominentesten Hunde der Schweiz an den Folgen einer solchen Magendrehung: Jabba, die hübsche, laufstarke Mischlingshündin, die mit Nik Hartmann auf SF1 “Über Stock und Stein” die Schweiz durchwanderte.

(Bildquelle: südostschweiz.ch)

Als letztes stand auf Jellas OP-Liste ein Eingriff, dem sich Menschen aus rein ästhetischen Gründen unterziehen, der aber bei unserem Doggenfräulein medizinisch indiziert war: eine Unterlidstraffung.

Bei manchen Hunderassen führt das Zuchtziel einer ausgeprägten Wamme oder schwerer, hängender Lefzen dazu, dass das Unterlid nach unten gezogen, der Lidrand nach aussen gerollt und die Augenbindehaut permanent freigelegt ist. Wie hier bei diesem Bloodhound.

Während sich über den ästhetischen Wert eines solchen “Zuchtziels” vielleicht noch streiten lässt, steht andererseits fest, dass diese Hunde ihr Leben lang unter Tränenfluss, Bindehautentzündung und eventuell Veränderungen der Hornhaut leiden. Weshalb das sogenannte Ektropium – das Auswärtsrollen des unteren Augenlidrandes – im Gutachten zur Auslegung von § 11 b des deutschen Tierschutzgesetzes als Merkmal einer Qualzüchtung beschrieben wird.

Klar, dass wir Jella, die ich nicht anders als mit blutunterlaufenen Augen kannte, eine lebenslängliche Konjunktivitis ersparen wollten. Und ganz nebenbei sieht sie auch nicht länger aus wie Draculas hundgewordene Schwester.

Wie bereits gesagt: Unser Mädchen hat den grossen Service prima überstanden, ist putzmunter und bester Dinge. Sollte die OP-Naht am Bauch auch weiterhin so gut verheilen, dann darf sie demnächst auch wieder “oben ohne” raus. Einstweilen muss niemand an seinem Verstand zweifeln, der in den Ausläufen des Pfötli eine Dogge im weissen Polo-Shirt mit mintfarben abgesetztem Kragen sichtet.